Wieviele Sommer gibst Du Dir noch?

Vor einiger Zeit bin ich mit M. im VAR (Frankreich) am alten Betonbett des Kanals entlang gewandert und habe mit ihm über die Zeit gesprochen. Den meisten Menschen gebräche es an einem wirklichen Gefühl für die Zeit. In der oft gehörten Floskel, es fehle an Zeit, stecke etwas Wahres. Rastlos würden sie sich treiben lassen in ihrem Leben, unsicher, gehetzt und würden sich doch wie kleine Kinder verhalten, die sich für - womöglich - unsterblich hielten. Zumindest würden sie sich so verhalten.

Ich hielt damals wie heute Zeit für so kostbar, daß ich sie als “unbezahlbar” bezeichnen wollte im Sinne von “nicht teuer genug abkaufbar”.

M. nickte und meinte, es gäbe eine Möglichkeit, diesen gehetzten Gesellen ein Gefühl von Endlichkeit näher zu bringen. Zwischen all den Terminen (Kind/Geige, Auto/Werkstatt, Hund/Park) müsse man sie nur beiseite nehmen und etwas fragen.

“Was?”

“Wieviele Sommer gibst Du Dir noch?”

Das vermittelt dem Gefragten ein Gefühl von seiner Endlichkeit.

M. ist zwei Jahre später bei Renovierungsarbeiten vom Dach abgerutscht und drei Meter tief auf eine Betonplatte gefallen. Er hat schwer verletzt überlebt. Er wird keinen Sommer auslassen. Das wünsche ich ihm.

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