Archive for the ‘Buchtipps’ Category

Buchtipp - Richard David Precht - Wer bin ich und wenn ja wieviele?

Samstag, Oktober 25th, 2008

In seiner Einleitung beschreibt der Autor Richard David Precht seine persönliche Motivation, dieses Buch geschrieben zu haben und auch, wie es zu diesem Titel “Wer bin ich - und wenn ja, wieviele?” gekommen ist. Die Anlehnung an Kant “Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?” und der lockere Schreibstil machen das Buch Prechts erst einmal interessant. Der Blick ins philosophische Altenheim unter Mißachtung historischer Reihenfolgen und -bezüge - von Nietsche über Freud, Wittgenstein und Rousseaus zu Schopenhauer, Descartes, Rawls, Epikur und Platon - läßt frischen Wind erwarten. Tatsächlich nimmt Precht den Leser mit auf einen Husarenritt durch Raum und Zeit und stellt im Panoptikum alter Meister und Gelehrter immer wieder Bezüge zu aktueller Hirnforschung her. Ob er dabei sich oder den Alten (Meistern) einen guten Dienst erweist, bleibt abzuwarten. Precht stellt viele Fragen, sucht sich passende Antworten der Kollegen heraus und mischt dies immer wieder mit dem aktuellen Stand der Forschung in Medizin, Biologie und Soziologie.
Dass Nietsche in Naumburg an der Saale aufgewachsen ist, mag stimmen, aber ist das DIE WAHRHEIT, die Precht zu ergründen sucht? Ich habe mich beim Lesen immer mal wieder gefragt, was ist die Botschaft, was bleibt von dieser Lektüre? Muß man alle Irrwege aufzählen, um den eigenen Weg in besseres Licht zu setzen? “Was man von diesen frühen Affen weiß, ist, dass man eigentlich nicht weiß.” schreibt Precht und läßt mich wenn auch ratlos so doch heiter zurück. Ich würde gerne mal mit diesem Precht ein kultiviertes Streitgespräch im Rahmen der Sommerakademien von EL-DRAC führen. Vielleicht liest er ja diese Rezension. So bleibt für mich nach dieser Lektüre der Wunsch, weiterzulesen, sorry, bei den anderen…

Buchtipp - Benjamin Vogel: Landschaften erfinden: Von der Idee zur Karte zum Bild

Donnerstag, Oktober 16th, 2008

Hast du schon alles gesehen? Bist du schon überall gewesen? Hast du schon alle Länder und Landschaften bereist? Hier warst noch nicht! Der Künstler Benjamin Vogel entführt dich in eine unbekannte, faszinierende und neue, weil fiktive Berglandschaft. Dabei bildet eine erfundene Landkarte den Ausgangspunkt für die bildnerische Auseinandersetzung. Im Umdenken bekannter Muster der Landschaftsdarstellung eröffnen sich neue Möglichkeiten ihrer Darstellung und Betrachtung. Der Katalog gibt einen umfassenden Einblick in Benjamin Vogels künstlerisches Konzept und zeigt auf 108 großformatigen Seiten Landkarten, Entwürfe und Gemälde. Die begleitenden Texte von Dr. Nils Büttner und Prof. Dr. Klaus-Peter Busse vom Seminar für Kunst und Kunstwissenschaft der Technischen Universität Dortmund stellen Vergleiche mit der Gegenwartskunst her und ordnen das Konzept in die Kunstgeschichte ein. Ein Katalog für Fingerreisende sowie an Kartografie und Malerei Interessierte. Der Katalog ist auch als limitierte, signierte Edition mit C-Print erhältlich.

Dortmunder Schriften zu Kunst
Kataloge und Essays, Band 5
Benjamin Vogel
Landschaften erfinden: Von der Idee zur Karte zum Bild
Mit Textbeiträgen von Klaus-Peter Busse und Nils Büttner
ISBN 978-3837054910

Buchtipp - Vollard - Erinnerungen eines Buchhändlers

Dienstag, Oktober 14th, 2008

Die “Erinnerungen eines Kunsthändlers” von Ambroise Vollard (1865-1939) zeigen auf angenehme und intime Weise die Innenansicht eines sich entwicklenden Kunstmarktes zur vorletzten Jahrhundertwende mitten in Europa.

Wie sehr auch gerade durch Personen wie Vollard Mythen und Geschichten rund um die zeitgenössische Kunst geprägt sind, wird deutlich, wenn man seinen Berichten über Begegnungen mit den großen Meistern der damaligen Zeit folgt.
Vollard ist angenehm unaufgeregt, selten ist seine feine Kritik offen und nie absolut. Viel mehr ist er der Beobachter, der zum großen Teil sehr gegensätzliche Strömungen aufnimmt, begleitet und berücksichtigt.
“Den Seinen gabs der Herr im Schlaf.” führte er einstmals als Erklärung seines - auch kommerziellen - Erfolges an. Für den heutigen Kunstmarkt hält dieses Buch eine wichtige Botschaft bereit: Genieße unaufgeregt.

Buchtipp Farbwirkungen - Soziologie der Farbe

Mittwoch, April 30th, 2008

Hans Peter Thurn beschreibt in seinem Buch die Wirkung der Farben aus soziologischer Sicht. Er stellt dabei überaus hilfreiche Fragen: Wann und wodurch wurden die Farben demokratisch? Rituale, Mode, Gestaltung und Schmuck werden ebenso unter dem Aspekt Farbe diskutiert wie der Frage nachgegangen wird, ob es Zusammenhänge zwischen Farbwahl bei Kleidung und Auto und dem Optimismus einer Epoche geben kann.

Ein hilfreiches Buch für all die, die Farben einsetzen und die mehr wissen wollen, wie diese wirken.

Buchtipp - Gesucht: Kunst! - Phantombild eines Jokers

Donnerstag, Februar 28th, 2008

So stark Wolfgang Ullrich in seiner Zerlegung tradierter Meinungen zum Begriff Kunst - hier trefflich als Kunst! beschrieben - ist, so ungenau wird er, wenn er seine eigene Gedankenwelt zum Thema hernach aufbaut. Richtig und wichtig ist es, den Begriff Kunst kritisch zu hinterleuchten. Wer führt ihn im Munde und will was damit erreichen? Tiefsinnig schildert Ullrich, was es für den junden Künstler von heute heißt, sich dem Begriff unterzuordnen und im Kunstbetrieb einzufügen. Wie in anderen Bereichen auch so schafft sich der Kunstbetrieb seine Grenzen um alsdann den Übergang nach eigenem Gusto zu kontrollieren. Trefflich zu lesen sind auch seine Anmerkungen zur Zeit, insbesondere im Hinblick auf den an den Exponaten nagenden Zahn derselben. Etwas schwächer wird der Professor dann, wenn er nach gelungener Demontange weiter Teile der vorherrschenden Kunstkritik versucht, ein alternatives Denkgebäude an den Start zu bringen. Und trotzdem bleibt es eine Buchempfehlung.

Buchtipp - Bilder bewegen - Von der Kunstkammer zum Endspiel

Freitag, Februar 8th, 2008

Das Buch versammelt eine Reihe von Aufsätzen und Reden von Horst Bredekamp, seines Zeichens Professor für Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität und Permanent Fellow des Wissenschaftskollegs zu Berlin. Wer sich von kunsthistorischem Wortgeklingel nicht abhalten läßt und auch einsame Pässe im Grammatik-Gebirge findet, kann sich herrlich an dem Kunstkritiker und seiner Sicht reiben. Wem es nicht darum geht, seine eigene Meinung zu lesen sondern es vergnügt, eine andere zu lesen (und seine eigene daraufhin zu prüfen), dem sei dies Buch empfohlen.

Kostproben gewünscht? “Die Visualisierung der Chaosformeln hat auch deswegen einen starken Hang zum Sakralen, weil sie ihre ideologischen Prämissen aus einer säkularisierten Selbstvergottung bezieht, die auch die Metaphysik des Computers geprägt hat.” Aber gilt nicht auch: wes (Mandel)brot ich ess, des Lied ich sing! - In einer medialen Welt tut es der Forschung gut, wenn sie um Ressourcen kämpft und Bildhaftes vorzeigen kann.

Und: “Um allmächtig sein zu können, muß Gott würfeln, denn wenn er einem Nutzzweck unterworfen wäre, gäbe es eine Instanz über ihm.” Diese Bredekampsche Antwort auf Einsteins “Gott würfelt nicht!” läßt schmunzeln. Wie auch immer man dazu steht, das der alte Patentbeamte erkannte, dass Mathematik und Physik zur Zeit den “Zufall” nicht hergeben und gleichzeitig einem Gottglauben eine Option bewahren wollte, hat er doch nicht mehr gesagt, als daß, sollte die Option weiter gelten, sie nicht schon der gewonnenen Erkenntnis zuwider laufen möge. Und darüber hinaus sei angemerkt, daß Logik ein weitläufiges Feld ist, auf dem sich schon so mancher verlaufen hat. Wenn Gott nicht würfelt, kann er das aus freiem Willen tun. Und eben dieser freie Wille ist wohl der gravierende Unterschied zwischen dem Irdischen und dem Göttlichen. Was uns auch milde stimmt, denn auch der Professor konnte es somit nicht anders formulieren als er es tat.

Anregend zu lesen sind auch die Gedanken zum Vorläufer des Fußballs. Und Argumente Bacon zu lese, werden auch zuhauf geliefert.

Buchtipp - Imaginäres Museum

Donnerstag, Januar 10th, 2008

Eigentlich eine gute Idee: zusammentragen, was die Literatur so über die bildende, insbesondere malende Kunst schreibt. Wie leicht oder schwer tun sich die Herren Autoren mit dem Umstand, daß da etwas fürs Auge gemacht ist, was zwar beschreiben, aber nicht eben erreichen kann. Wann sind die Texte stark, wann schwach. Wie genau halten sie sich an das Thema? Das Bildnis des Dorian Gray von Wilde und Lovecrafts Pickmans Modell sind am dichtesten dran, vielleicht weil sie weniger das Bild als seine wirkung beschreiben und darin sicherer und - sinnvoller - sind. Die anderen Geschichten fallen leicht ab, hin und wieder mal ein Licht am Horizont und am Ende mit einem großen Tusch dank Max Aub. Der Anspruch hängt in diesem Fall sehr hoch. Ob er erreicht werden konnte, es bleibt jedem selbst überlassen, dies herauszufinden. Ich habe Max Aub entdeckt. Und das war gut so.

Buchtipp - Russendisko von Wladimir Kaminer

Donnerstag, Dezember 13th, 2007

 

Schon vor Jahren im Pantheon zu Bonn mit Jens Jochimsen war klar, was aus Kaminer werden würde. Es ist so gekommen, und es ist noch besser gekommen. Ohne Schnörkel berichtet der DJ von seiner Reise nach Deutschland, seiner Zeit als Migrant, seinem neuen Leben in Berlin und seiner Liebe zur Musik. So sieht unsere Hauptstadt also aus, durch die Brille eines Russen. Kaminer schreibt und wundert sich vielleicht genauso über die Resonanz auf seine Erzählungen wie über die Welten, die in seiner Russendisko zusammen kommen. Er schreibt es auf und überläßt des dem Leser. Danke für diese Überlassung.

Buchtipp - Karaoke von Wladimir Kaminer

Donnerstag, Dezember 13th, 2007

 

Wer Kaminer bisher für einen Geschichtenerzähler gehalten hat, kann sein Urteil korrigieren. So wie er von sich berichtet, eher zufällig nach Westberlin gekommen zu sein, erzählt uns der schreibende DJ Berlins erster und einzig wahrer Russendisko von seiner musikalischen Laufbahn. Ich gewinne den Eindruck, daß ihm selbst die Hype um seine Erzählungen unheimlich vorkommt, wenn auch gelegen. Russische Seele trifft Deutschen Michel, in aller Härte zwischen Bier und Wodka kommt man sich näher. Berlin als Tor zum Osten, lass uns singen. Singen Sie mit!

Buchtipp - Musil, Gödel, Wittgenstein und das Unendliche

Freitag, November 30th, 2007

 

Nichts weniger als das Unendliche und ein Versuch, Literatur, Philosophie, Mathematik und Artverwandtes zu Wort kommen zu lassen, sind Thema des Buches. Schmal und dennoch gehaltvoll, den Wiener Vorlesungen im Rathaus (zu Wien) entsprungen können wir Rudolf Taschner folgen - oder eben nicht. Und manchmal sind wir dem Unendlichen viel näher als wir denken. Wenn wir zum Beispiel einen Schlußstrich ziehen, liegen unendlich viele Punkte auf dieser Linie. Glauben Sie jetzt nicht. Gut. Hat ja auch nichts mit Glauben zu tun. Ein kleines vergnüglichen Bändchen, das läd ein, mehr zu lesen.