Archive for the ‘2d’ Category

Falklandgedanken

Samstag, Dezember 15th, 2007

Tragt mich nach LAS VEGAS
Zu den Nutten dieser
Zeit

Schlagt mich an die Kreuze
Zu den Engeln eurer
Zeit

Legt mich in die Erde
Gleich bei meine Kinder-
zeit

Vergeßt mich bis ich werde
Denn es ist wieder
Zeit

Colonia, 1982

Literarisch, prosaisch, phantastisch

Samstag, Dezember 15th, 2007

Ks dritter Roman, sozusagen infolge, widmet sich erneut dem Thema Schicksal/Absurdität des Lebens. Der Autor läßt uns erleben, wie das Schmerzempfinden zur gesteigerten Wahrnehmungsfähigkeit sozialer Strukturen und Bewegungen wird, seine Prägnanz der Situationen, seine Geschehensstruktur, sein Charakterbau, seine Deformation absurder Erlebnisinhalte, seine Wühlarbeit in tiefen Wesensgründen, seine Seelenarbeit verhelfen dem Roman zu poetischer Entschiedenheit, lassen die Totalität des Anspruchs seitens des Autors klar hervortreten.

Heute spricht man oft von neuer Prosa, das ist sie! Wenn es sie überhaupt gibt. Ks evidentes Charisma hat ihm wohl stets behilflich sein können, doch dieser Roman wird es noch steigern können, ist er doch gar nicht darauf angewiesen. SeineWortgebildehaftigkeit als emotionaler Ausdruck der Erkenntnis des Absurden in schicksalsschwerer Dauerhaftigkeit - sein Leid ist endlos - reißen den Leser in eigene Wesenstiefen hinab, unweigerlich, unrettbar.

Linguistische Ornamentik, Zeichensprache, Zwangherrschaft der verkommenen erzählerischen Form, Sprachphantomimen, Naturprosa in unregierbarem Urzustand macht diesen Roman zum Roman schlechthin. Büchner und Beckett sind seine geistigen Väter - was ich schon bei seinem ersten Roman erkannt habe - und auch hier wieder erweist er sich als würdiger Sohn.

Ks dritter Roman ist ein Roman in dieser schweren Zeit, über diese schwere Zeit, und für diese schwere Zeit. Ein Buch für die Ewigkeit.

j.

Paris, 1981

und schuldig sind sie auch

Samstag, Dezember 15th, 2007

sind so kleine bomben
an dem flugzeug dran
fallen wie die fliegen
tod hinab und dann

sind so viel raketen
überall im land
darf man nicht drauf treten
weil außer rand und band

sind so viele russen
hier bei uns im wald
wollen unsre schnecken *
daß es nur so knallt

sind so viele lehrer
wollen unsren fleiß
wollen unsre liebe
bis hinab zum steiß **

sind so viele sänger
singen von dem leid
doch in dieser welt
dafür keine zeit

sind so viele schreiber
schreiben mit dem bauch
nichts für menschenleiber
und schuldig sind sie auch!

roma, 1981

(Anmerkungen: * Kriegsdienstverweigerer wurden in Deutschland noch 1981 gefragt, wie sie sich verhielten, wenn ein bewaffneter Russe im Wald ihrer Freundin auflauern würde, um diese zu vergewaltigen. ** wovon sich mein Mitschüler M. nie mehr erholt hat.)

bleiben

Samstag, Dezember 15th, 2007

wer
wer etwas
wer etwas zu
wer etwas zu sagen
etwas zu sagen
zu sagen
hat

sollte
sollte bis
sollte bis er
sollte bis er es
bis er es
er es
gesagt hat

bleiben
bleiben
bleiben.

Colonia, 1999

die frage dieser welt

Samstag, Dezember 15th, 2007

die frage dieser welt
was ost und west zusammenhält
wird dieser tage
ganz ohne frage
recht oft gestellt

doch warum wohl alles in der welt
ein künstler vom gedank erhellt
ihn zu erhöhn den grund der plage
das bleibt die frage
wei es ästhetisch ihm gefällt?

was wenn sich ihm ein flüchtling zugesellt
und ihm erklärt wies sich verhält
die flucht ihm einmal sage
und wie sich stellt die frage
ob man hinten lebend rüberfällt.

den flüchtling um die flucht noch prellt
wenn man sie ihm noch etwas höher stellt
oder ist sie gar nichts wert die westside-saga?
ganz ohne frage
noch nicht einmal gestellt.

Colonia, 1981

über die befreiung des refrains

Samstag, Dezember 15th, 2007

es ist wieder frieden im land!
es ist wieder frieden im land!
es ist wieder frieden im land!
stempelkissensitzende gestalten
kriegsberichter sabbern letzten stand
letzte frontsoldatenfurzer kalten
massenmördermenschennarbenfalten
schreien:

es ist wieder frieden im land!
es ist wieder frieden im land!
es ist wieder frieden im land!
televisonäre hausbesetzer
atompilzwelt gerät an ihren rand
scharfbeschützer töten ketzer
philosophenweltverpetzer
schreien:

es ist wieder frieden im land!
es ist wieder frieden im land!
es ist wieder frieden im land!
ausgekotzte schultyranntouristen
im systemkontrollkommerzgewand
kriegspest säugt die pazifisten
chauvikunsttodstruktivisten
schreien:

Colonia, 1981

überall krieg, überall krieg, überall krieg

Samstag, Dezember 15th, 2007

eilig fliegende pakete
technologisch wohl ein sieg
fliegen morgens durch die städte
überall krieg, überall krieg, überall krieg.

es sind zeitungen und blätter
zeilen für den herrn und für den freak
und alle tönen von dem nächsten donnerwetter
überall krieg, überall krieg, überall krieg.

autos hupen, kinder schreien
taxi krach, wer wohl zuerst einstieg
von den herren derer dreien
überall krieg, überall krieg, überall krieg.

terroristen töten polizisten
minister schreien: bomber flieg!
und: nieder mit den pazifisten!
überall krieg, überall krieg, überall krieg.

machtkampf in dem nachbarland
wer da wohl das höchste amt bestieg?
diktatur kam kurzerhand
überall krieg, überall krieg, überall krieg.

west und ost und ost und west
doch tucholskys “neimehr krieg”
besteht nicht gegen diese pest
überall krieg, überall krieg, überall krieg.

fragt man, was das ende sei
hat man schreibverbot
denn es ist nicht einerlei
überall tot, überall tod, überall tod.

Colonia, 1981

In Zündorf steht ein Mahnmal fein…

Samstag, Dezember 15th, 2007

in zündorf steht ein mahnmal fein
der bürger dieser stadt
die ehrbar arisch rein
der krieg von uns genommen hat.

da stehen lange namenslisten
in dunklem stein und letzter ruh
von toten oder todvermissten
und die häuser schauen zu.

die häuser, die den juden waren
enteignet von der toten vaterland deswegen
nur einer schreit, wo stehn die judenscharen,
ganz besoffen, sieht den stein und pisst dagegen.

Colonia, 1981

(Anmerkung: gewidmet meinem Freund S.H. aus alten Tagen, der als Töpfer in Zündeldorf den hochprozentigen Durchblick hatte)

Fürs Vaterland, fürs Vaterland

Samstag, Dezember 15th, 2007

fürs vaterland, fürs vaterland
hab ich mein bein gelassen
ich stehe hier und klage an
und kann es gar nicht fassen

fürs vaterland, fürs vaterland
hab ich den fuß gelassen
ich stehe hier und klage an
und kann es gar nicht fassen

fürs vaterland, fürs vaterland
hab ich die hand gelassen
ich stehe hier und klage an
und kann es gar nicht fassen

fürs vaterland, fürs vaterland
hab ich das augenlicht gelassen
ich stehe hier und klage an
und kann es gar nicht fassen

fürs vaterland, fürs vaterland
hab ichs Gesicht gelassen
ich stehe hier und klage an
und kann es gar nicht fassen

mein recht erfragst du, vaterland?
mein dummes vaterland doch sieh
ich gab dir alles her o schand
doch den verstand wolltest du nie.

Cologne 1981

Und Du…

Samstag, Dezember 15th, 2007

Ich habe
In den letzten Tagen
Viel geschrieben
Von der Arbeit zurück
Kann ich nicht mehr
Sonntage sind zu kurz
Und Du … bist
Ja auch noch da.

Ich schreibe
An freien Tagen
Alles auf
Wie ein Aufnehmer auch
Einmal reinmacht
Schmutz gibt es ja viel
Und Du … bist
Ja auch noch da.

Cologne, 1981